Die Kundalini-Kraft
Nach der tantrischen Lehre wohnt in jedem Menschen eine göttliche kosmische Kraft, die Kundalini genannt wird. Diese befindet sich ruhend am unteren Ende der Wirbelsäule und wird symbolisch als eine im untersten Chakra schlafende zusammengerollte Schlange dargestellt. Durch yogische Praktiken kann diese erweckt werden und steigt dann auf, wobei die Hauptenergiezentren oder Chakren durchstoßen werden. Erreicht sie das oberste Chakra, vereinigt sie sich mit der kosmischen Seele und der Mensch erlangt höchstes Glück. Da das Aufsteigen der Energie nach den klassischen Lehren nicht ungefährlich ist, ist eine gute Vorbereitung und die Hilfe eines Gurus unablässig. Allerdings kann die kosmische Intelligenz auch ein spontanes Erwachen der Kundalini bewirken. In solchen Fällen sind die betroffenen Personen häufig völlig im Unklaren darüber, was mit ihnen geschieht, da im westlichen Kulturkreis fundiertes Wissen über diesen Themenkomplex wenig verbreitet ist oder auch das Vorhandensein einer solchen Energie verneint wird. Doch gibt es auch Vertreter der westlichen Psychologie, die sich mit dem Kundalini-Phänomen beschäftigen, allen voran der Schweizer Psychologe Carl Gustav Jung. Verschiedene Quellen vergleichen die Kundalini-Schlange versuchsweise mit dem griechischen Schlangenstab des Äskulap oder der mexikanischen Federschlange.
Der Kundalini-Prozess
Um diese spirituelle oder physopsychische Energie zu aktivieren, wurden mehrere Methoden entwickelt, wie Yoga oder Reiki. In einer ersten Stufe versucht der Adept Lebensweise, Ernährung, Verhalten und Charakter mittels Meditation und ähnlicher Praktiken zu schulen und zu reinigen, die je nach Tradition sehr unterschiedlich sein können. Manchmal kündet das Höhere Selbst mittels Träumen das Erwachen der Kundalini an. Das Regen der bis anhin schlafenden Kundalini führt zu erhöhter Körpertemperatur, die aber nicht mit hohem Fieber zu vergleichen ist. Einmal aktiviert, entwickelt der Kundalini-Prozess eine gewisse Eigendynamik, die zu Steuern durch weiteres sorgfältiges Training gelernt werden muss. In der Regel hat der Prozess starke Auswirkungen auf die Befindlichkeit der betreffenden Person und kann selbst zu unangenehmen und unerwünschten Nebeneffekten führen. Das Aufsteigen der Kundalini folgt in der Regel stufenweise und sie kann sich sogar wieder zurückziehen, wird das dritte Energiezentrum in der Nabelgegend nicht erreicht. Nur selten steigt sie bis zum Kronenchakra, wo sich nach tantrischer Auffassung das reine Bewusstsein (bzw. Shiva) befindet. Dann beginnt nach Auffassung einiger Richtungen der eigentliche Kundaliniprozess, der als ein Wechsel von aufsteigendem, warmen und absteigendem, kühlen Energiefluss beschrieben wird. Die verschiedensten Yoga-Richtungen befassen sich mit dem Thema Kundalini. Die meisten Yoga-Asanas dienen allerdings nicht direkt der Erweckung der Kundalini. Manche Yoga-Schulen beschäftigen sich ausdrücklich mit der Kundalini und wollen mit ihren Übungen den Körper auf den heiklen Prozess der emporsteigenden Kundalini vorbereiten. Dabei wird darauf geachtet, dass die Chakren gereinigt und durchlässig werden, damit die Kundalini ungehindert aufsteigen kann.
Beispiele verschiedener Yoga-Richtungen
Beim Kundalini-Yoga ist schon am Namen der starke Bezug auf die Kundalini-Kraft erkennbar. Wie beim Yoga insgesamt gibt es auch innerhalb des Kundalini-Yoga wiederum unterschiedliche Schulen oder Richtungen. Typisch für die Yoga-Praxis der von Yogi Bhajan im Westen bekannt gemachten Richtung sind körperlich fordernde Übungen mit schnellen Bewegungsabläufen, kombiniert mit Ruhephasen und Meditation. Auch im Kriya Yoga werden bestimmte Übungen zur Erweckung und Chakras und die sogenannten Kriyas (Reinigungsübungen) gelehrt. Sie sollen der Vorbereitung des Körpers und der systematischen Erweckung der Kundalini dienen. Im Sahaja Yoga soll die Kundalini spontan und sanft erweckt werden. Auch diverse Reiki-Schulen und Wege beschäftigen sich direkt oder indirekt mit der Erweckung der Kundalini-Kraft und wie sich ein Mensch hierauf vorbereiten kann bzw. wie er mit dieser Kraft umgeht, beispielsweise das Kundalini-Reiki. Im Gegensatz zum Yoga haben diese Praktiken jedoch einen stärkeren mentalen und meditativen Anteil, Reiki ist weniger stark als Yoga auf Bewegungsabläufe und Atemtechniken hin orientiert.
Das Kundalini-Syndrom
Als Begleiterscheinung der aufsteigenden Kundalini werden körperliche Auswirkungen beschrieben, die durch den heftigen Energiefluss verursacht werden sollen. Zu ihnen gehören Hitzewallungen, d.h. ein Gefühl anflutender Wärme, Kälteschübe, Zuckungen (unwillkürliches Schütteln, Zittern, plötzliche Nickbewegungen des Kopfes), chronische und zeitweilige Schmerzen im ganzen Körper, die sich diagnostisch schwer erfassen lassen, Stechen im großen Zeh und am ganzen Leib, Taubheitsgefühl der Hände und Füße, Schwankungen des Sexualtriebs, plötzliche Lautäusserungen (Lachen, Weinen), ekstatische Glückseligkeit, innere Bilder und Visionen. Normalerweise sei ein Kundalini-Aufstieg ein sich selbst regulierender Prozess, jedoch wird für Krisen und ungewöhnlich heftige Entwicklungen eine Begleitung oder Beratung durch erfahrene Lehrer/ Kundalini-Therapeuten empfohlen. Langzeitmeditierende, insbesondere Zen-Schüler, berichten häufig von einem plötzlich einsetzenden, subjektiv als Überhitzung empfundenen Syndrom. Wenn das Syndrom länger anhält, kann es ohne Konsultation qualifizierter Hilfe zu länger andauernden körperlichen Beeinträchtigungen führen. Obwohl sich Zen-Buddhisten von anderen Traditionen abgrenzen, suchen sie beim Überhitzungs-Syndrom häufig fachlichen Rat z. B. bei Psychotherapeuten oder Daoisten (taoistischen Priestern), um die spontan aktivierte Kundalini-Energie wieder in geregelte Bahnen zu lenken. Die Kundalini selbst bereite keine Schmerzen - es seien die Blockaden, die Schmerzen verursachen. Negativ empfundene Auswirkungen der Kundalini-Kraft seien in diesem Zusammenhang als Beitrag zur Reinigung des Körpers und der Seele zu sehen. Das körperliche Symptom der Erhitzung wird von einigen Schulen des tibetischen Buddhismus durch bestimmte Techniken gezielt hervorgerufen. Eine klassische Methode besteht darin, im Winter in Eiswasser getränkte Wolldecken auf dem nackten Körper zu trocknen. Auf diese Weise soll die Beherrschung der Körpertemperatur unter extremen Bedingungen geübt werden. Die bei traditionellen fernöstlichen Lehrer/innen sehr beliebten extremen Praktiken zur Kontrolle von Körperfunktionen werden heute nur noch fortgeschrittenen Schülern empfohlen - sie sind jedoch keine Voraussetzung für das Erwecken der Kundalini.