Die fünf klassischen Wege des Yoga
Um die unterschiedlichen Kräfte des Menschen - Geisteskraft, emotionale Energie und Handlungskraft - optimal auszurichten und einzusetzen, wurden fünf verschiedene Yoga-Wege entwickelt, die in ihrer Gesamtheit, sorgfältig auf den Charakter, die Möglichkeiten und Neigungen des einzelnen Menschen abgestimmt, zu vollkommener Entwicklung und Entfaltung des ganzen Menschen führen.
Diese fünf Wege sind:
1. Karma Yoga, der Weg des Handelns,
2. Bhakti Yoga, der Weg der Hingabe an Gott,
3. Raja Yoga, der Weg der Kontrolle des Geistes,
4. Hatha Yoga, der Weg der Energie,
5. Jnana Yoga, der Weg der Erkenntnis.
1. Karma Yoga - der Weg des Handelns
Viele Menschen haben in ihrem Berufs- und Familienalltag kaum Zeit für Körper-, Atem- und Meditationsübungen, doch wenn wir unser tägliches Handeln selbst als Übungsfeld verwenden, so können wir 16 oder 17 Stunden am Tag "Yoga üben"! Genau dies geschieht im Karma-Yoga, womit dieser Yoga-Weg zu einem sehr mächtigen Werkzeug der Selbsttransformation wird.
" Ich handle so, wie es in dieser Situation für alle Beteiligten am besten ist, nicht für meinen persönlichen Vorteil; ich betrachte die Aufgabe aus einer höheren als der persönlichen Sicht und fühle mich als Teil des Ganzen.
Im Karma Yoga geht es um die Einstellung während der Handlung. Möglicherweise verändert sich die Handlung kaum (außer dass sie wahrscheinlich vollkommener, konzentrierter wird), doch das Wesentliche ist die innere Haltung beim Handeln.
"Tue deshalb, was getan werden muss, aber selbstlos und ohne persönliche Bindung. Wer völlig selbstlos handelt, gelangt zum höchsten Selbst."
Bhagavad Gita 3,19
2. Bhakti Yoga - der Weg der Hingabe
Jeder Mensch verfügt über ein gewisses Potential an "Gefühlsenergie". Wenn wir diese Energie, die sich oft auf recht destruktive Weise ausdrückt (Hass, Aggression), umzuwandeln und zu kanalisieren vermögen, kann sie zu "Wasser auf der spirituellen Mühle" werden und zu einer ungeahnten Entwicklung und zu schnellem Wachstum führen.
Bhakti Yoga ist der Prozess der Umwandlung und Ausrichtung unserer emotionellen Energien; Bhakti Yoga verwandelt "Emotion in Devotion (Hingabe)". Bhakti Yoga wird von vielen Yoga-Meistern als der in diesem Zeitalter schnellste und leichteste Weg zu Gott, als eine Art "Express-Zug" zu geistiger Reinheit und Erweiterung des Bewusstseins bezeichnet.
Es geht im Bhakti Yoga um das Fühlen und Erfahren einer universalen, inneren Göttlichkeit, und nicht um blinden Glauben aufgrund eines Dogmas oder um bestimmte Rituale. Deshalb kann Bhakti Yoga als überkonfessionell betrachtet werden - jeder Mensch, gleich welcher Religionszugehörigkeit, kann Bhakti Yoga mit den ihm vertrauten Riten, Formeln und Namen durchführen.
Alle rationalen, intellektuellen und dogmatischen Überlegungen, alle Diskussionen, auf welche Weise welche Gottheiten oder Menschwerdungen Gottes angebetet werden sollen, führen nirgendwohin, außer zu Spannungen und Spaltung zwischen den Menschen. Das Reich des Bhakti liegt jenseits des Geistes, des Intellekts und kann nur durch eigene Erfahrung, durch Hingabe an eine Form, die sich für dich richtig und "stimmig" anfühlt, betreten werden.
Gott ist es nicht wichtig, in welcher Form, auf welche Weise du ihn anbetest, solange du nur tiefe Sehnsucht nach Ihm fühlst:
"Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken."
(Mt 22,37)
Es ist eine Erfahrung aller sich bewusst und praktisch mit Yoga auseinandersetzenden Menschen, dass das religiöse Leben, gleich welchem Glauben man angehört, durch Yoga eine deutliche Vertiefung und Bereicherung erfährt.
Es ist bemerkenswert, dass selbst eher rationale, intellektuelle Menschen, die über eine gewisse Zeit andere Yoga-Techniken üben, mehr und mehr das Gefühl des Bhakti erfahren. Das Potential des Bhakti im Menschen kann durch jeden Yoga-Weg geweckt werden!
3. Raja Yoga - der Weg der Kontrolle des Geistes
Der Grundgedanke des Raja Yoga ist bestechend einfach. Er besagt, dass alle Probleme und alles Leiden des Menschen aus der Tätigkeit des Geistes entstanden sind und dass folglich die Lösung auch im Geist gesucht werden muss. Raja Yoga, der königliche Yoga-Weg (Raja bedeutet König) strebt die Kontrolle und Konzentration des Geistes an.
Der Geist wird in Raja Yoga mit einem See verglichen, dessen Oberfläche durch dauernden Wind aufgeraut wird, sodass das Spiegelbild des Mondes nicht erkennbar ist. Erst durch das Nachlassen des Windes - unserer geistigen Bewegungen - beruhigt sich die Wasseroberfläche und wird schließlich zu einem Spiegel, in dem wir unser wahres Selbst erkennen können.
In stets tiefer werdenden Meditationen wird das Denken beobachtet und der im Innern wachsenden Stille Raum gegeben, während die Gedanken abklingen und der Meditierende ruhig und friedvoll in seiner Mitte ruht.
Aber nicht nur in der Meditationsübung wird diese Stille gepflegt, sondern auch im Alltag, wo die in der Meditation genährte Stille sowohl fortwirkt als auch bewusst vertieft wird: man beobachtet die Tätigkeit des Geistes bei den alltäglichen Handlungen, nimmt Abstand von Wollen und Nichtwollen, von Urteilen, Hoffnungen und Ängsten, indem man seine Existenz vollkommen in dem Augenblick des Hier-Jetzt konzentriert.
Ashtanga Yoga
Im 2. Jahrhundert unserer Zeitrechnung hat der große Yogi und Kenner des menschlichen Geistes, Patanjali, den Weg des Yoga beschrieben, der uns in acht Stufen (ashta = acht; anga = Glied, Teil) von Achtsamkeit und Selbstdisziplin im Alltag über Stillwerden von Körper und Atmung zu Meditation und schließlich zur Vollendung und Erfüllung unseres Menschseins führt. Dieses Konzept wird im allgemeinen dem Raja Yoga zugeordnet, ist aber auch für alle anderen Yoga-Wege relevant.
Anmerkung: Der hier beschriebene klassische Ashtanga-Yoga hat mit der modernen westlichen Yoga-Gymnastik gleichen Namens nichts als den Namen gemeinsam!
Die acht Stufen sind:
1. YAMA, die Verbote
2. NIYAMA, die Gebote
3. ASANA, die richtige Sitzstellung
4. PRANAYAMA, das Stillwerden des Prana
5. PRATYAHARA, das Zurückziehen der Sinne
6. DHARANA, die Konzentration
7. DHYANA, die Meditation
8. SAMADHI, der überbewusste Zustand
4. Hatha Yoga - der Weg der Energie
Der Begriff Hatha setzt sich aus 2 Teilen zusammen, Ha und Tha: Ha steht für das Sonnen-Prinzip und Tha für das Mond-Prinzip. Sonne und Mond versinnbildlichen die in jedem Menschen und tatsächlich in jedem lebenden Wesen wirksamen Energiequalitäten: unser männlicher und weiblicher Energieaspekt, Logik und Kreativität, Aktivität und Stille usw.
Das Ziel des Hatha Yoga ist es, einen harmonischen Gleichklang zwischen diesen elementaren Kräften herzustellen und zu erhalten. Das Ergebnis ist ein seelisch-emotionaler Gleichgewichtszustand, eine innere Harmonie und Ruhe, die für die meisten Menschen eher einen recht seltenen Ausnahmezustand darstellt als ein normales Befinden.
Zudem erhöhen die Hatha-Yoga Übungen das gesamte Energieniveau des Menschen und das macht sich in allen Bereichen des Lebens positiv bemerkbar: Lebensfreude, Mut und Zuversicht nehmen zu, die Abwehrkraft gegen Krankheiten verbessert sich beträchtlich und vieles mehr.
Die Funktionsweise des Hatha Yoga
Das Ergebnis langer Studien der energetischen und psychischen Strukturen des Menschen war die Entwicklung jener hochwirksamen Körper- und Atemtechniken des Hatha Yoga, die heute auf der ganzen Welt geübt werden. Ihre bemerkenswerte Wirksamkeit beziehen diese Techniken aus der Tatsache, dass es sich nicht um rein körperliche bzw. Atemübungen handelt, sondern eigentlich um Energieübungen, die den Körper bzw. die Atmung als Instrument einsetzen, um Energiemuster im Astralkörper zu verändern. Aus der Veränderung der Energiemuster in den astralen Schaltstellen und Energiebahnen resultieren Veränderungen auf der physischen, geistigen und psychischen Ebene.
Diese Veränderungen führen dazu, dass man sich nach dem Yoga-Üben allgemein besser, heller, klarer, optimistischer und reiner fühlt.
Die Wissenschaft untersucht die messbaren Veränderungen im Körper - Blutdruck, Gehirnströme, Sauerstoffgehalt im Blut und vieles mehr - doch diese Veränderungen, so wunderbar sie anmuten und die Wirkungen aller anderen Körperübungen übertreffen, sind nur ein Abbild der Geschehnisse in den Tiefen unseres Energiekörpers.
Der Schlüsselbegriff im Hatha Yoga ist PRANA. Prana ist die Lebensenergie, die für alle Manifestationen des Lebens verantwortlich ist. Die Pranamenge, -qualität und -bewegung bestimmt das Schicksal unseres Körpers, unserer Gedanken, unseres ganzen Lebens. Hatha Yoga ist die Wissenschaft, die direkt in diese Pranastruktur eingreift und diese mit unglaublicher Effektivität stärkt und balanciert.
Nach der Yoga-Philosophie besteht der Mensch aus drei Körpern verschiedener "Dichte", aus dem physischen, dem astralen und dem kausalen Körper. Der physische Körper interagiert mit der materiellen Welt, der Astralkörper liefert die dafür nötige Energie, Gedanken und Gefühle, und der Kausalkörper ist die treibende Kraft hinter unserer Inkarnation.
Hatha Yoga, die Eintrittspforte in Yoga
Der "Haupteingang" in Yoga ist für die meisten Menschen sicherlich der Hatha Yoga. Dies ist deshalb so, weil man durch Körperübungen sehr direkt und schnell die positiven Wirkungen des Übens erfahren kann.
Entgegen einer möglicherweise vorhandenen Ansicht, Hatha-Yoga wäre nur für junge und bewegliche Menschen geeignet, halte ich prinzipiell jeden Menschen für geeignet, Hatha-Yoga zu üben. Einzelne Menschengruppen (Schwangere, ältere Menschen oder Personen mit bestimmten Gebrechen oder nach Operationen) müssen bei einigen Übungen Vorsicht walten lassen oder Übungen überhaupt (vorübergehend) auslassen, doch die Arbeit an unserem Energiesystem steht grundsätzlich jedem Menschen offen.
"Hatha Yoga ist ein göttlicher Segen"
Hatha Yoga ist der sichere Weg zu guter Gesundheit, langem Leben und Erweckung der höheren Kräfte.
Es gibt viele Möglichkeiten einer völligen Regeneration. Unbestritten und einzigartig steht jedoch Hatha Yoga über allem. Er ist das vollkommenste System. Hirn, Muskeln, Nerven, Organe und Gewebe werden belebt und gestärkt. Alle chronischen Krankheiten werden ausgelöscht. Wer Hatha-Yoga übt, kann einen gesunden Körper und Geist erlangen. Wenn man regelmäßig Yoga-Übungen macht, wird man immer in Form sein. Hatha Yoga ist ein göttlicher Segen. Er ist eine einzigartige Verteidigungswaffe gegen alle widrigen Mächte im Bereich des Stofflichen und Spirituellen.
(Aus dem Vorwort des Verlegers zum Buch "Hatha Yoga" von Swami Shivananda)
5. Jnana Yoga - der Weg der Erkenntnis
Jnana Yoga strebt das Ziel des Yoga durch Erkennen der tieferen Zusammenhänge unseres Seins an: Was ist wirklich, was ist unwirklich? Wer ist dieses Ich, das sagt: Ich bin, Ich will....? Was in mir selbst ist das, was bleibt nach dem Tod? Welcher Teil von mir ist vergänglich, veränderlich und damit nicht wirklich? Der Jnana-Yogi sucht diesen "wahren" Teil seiner selbst zu erkennen und sich nur mit diesem zu identifizieren.
In der Jnana-Yoga Meditation geht es darum, die Identifikation mit allen Dingen der "Maya" (Maya bedeutet "Scheinwelt", unwirkliche Welt) zu lösen, die unendliche Allgegenwart (die in Bhakti Yoga "Gott" genannt wird) zu erfühlen und sich allein mit diesem höchsten, sich stets gleichbleibenden Sein zu verbinden.
Zur Darstellung und Verdeutlichung der Zusammenhänge werden im Jnana Yoga oft Gleichnisse beschrieben. Das wohl bekannteste Gleichnis ist die Geschichte von "Schlange und Seil":
Es war schon dunkel, als der Mann heimkehrte. Plötzlich stieg er auf etwas, das nur eine riesige Kobra sein konnte. Zu Tode erschrocken sank er nieder, nur um wenig später erleichtert aufzuatmen: was er im ersten Augenblick für eine Kobra hielt, war ein auf der Straße liegendes Seil.
In diesem Aufatmen, diesem Lichte des Erkennens - wo ist die Kobra? War da jemals eine Kobra? Sie war nur in seinem Geist, nur in seinem unrichtigen Erkennen.
Der Jnana-Yogi strebt das Erkennen der Wahrheit an. Er möchte den "Kobra-Glauben" durch das "Seil-Erkennen" ersetzen. Er will mit allen Fasern seines Wesens eins werden mit der höchsten, der letzten Wahrheit, die im Yoga den Namen "Advaita Vedanta" trägt, das höchste, letzte Erkennen.
Integraler Yoga
In der Praxis wird nicht lediglich einer dieser fünf Yoga-Wege beschritten, sondern vielmehr eine Kombination, wobei der Schwerpunkt je nach persönlicher Neigung auf einen oder zwei der beschriebenen Wege gelegt wird. Der Vorteil des integralen Yoga liegt darin, dass alle Ebenen des Menschen angesprochen und entwickelt werden und in der Anpassungsfähigkeit an die Situation und Möglichkeiten des einzelnen Menschen.
"Eine einseitige Entwicklung ist nicht geraten. Handlung, Gefühl und Intellekt sind die drei Pferde, die vor den Körperwagen gespannt sind. Sie müssen vollkommen harmonisch und im Gleichklang arbeiten. Nur dann läuft der Wagen ruhig.
Nur der integrale Yoga bringt eine umfassende Entwicklung. Nur der Yoga der Synthese entwickelt Hand, Herz und Hirn und führt zurVollkommenheit."
Swami Shivananda
(c) Paul Nathschläger